Bonn inklusiv: Annette Standop im Interview

Auf einer Sondersitzung hat der Sozialausschuss der Stadt Bonn am 28. Juni den behindertenpolitischen Teilhabeplan der Bundesstadt Bonn auf den Weg gebracht. Unter dem Motto „Bonn inklusiv“ ist ein umfangreicher Arbeitskatalog entstanden, das Recht auf Leben in der Gesellschaft umzusetzen. Für die Grünen im Rat der Stadt Bonn ist Dr. Annette Standop Teil der koordinierenden Lenkungsgruppe. Über sich, die Arbeit an dem Plan und was kommunale Gleichstellungspolitik bedeutet stellt Sie sich den Fragen von Holger Koslowski. Holger Koslowski:Zum Anfang eine persönliche Frage. Du sitzt seit ich dich kenne im Rollstuhl. Welche Vorteile hat es, behindert zu sein? Dr. Annette Standop:Oh eine ganze Menge! Ich habe immer meinen Sitzplatz dabei, egal auf welcher Veranstaltung ich bin. Andere Leute putzen meine Fenster. Ich glaube, Fensterputzen würde ich hassen, wenn ich es selbst machen müsste. Ich erwecke meistens Aufmerksamkeit und stehe häufig im Mittelpunkt. Wobei das durchaus zwei Seiten hat. Einerseits hören mir die Leute zu, wenn ich etwas zu sagen habe. Andererseits stelle ich mir vor, dass es manchmal wunderbar sein müsste, einfach so in der Menge zu verschwinden. Holger Koslowski:Seit wann bist Du Mitglied bei den Grünen und was war deine Motivation, einer Partei beizutreten – und dann auch noch dieser? Dr. Annette Standop:Mitglied bei den Grünen bin ich seit zwei Jahren. Ich hatte schon einige Jahre mit einem Parteieintritt geliebäugelt. Ich wollte aktiv mitarbeiten, etwas bewegen, selber Politik machen. Bei den Grünen war ich dann völlig überrascht davon, wie einfach gerade das ist. hat mir jemand eine Liste in die Hand gedrückt mit einer ganzen Reihe von AnsprechpartnerInnen für die unterschiedlichsten politischen Themengebiete, und überall hieß es: Komm vorbei, mach mit. Das hat mir imponiert. Holger Koslowski:Annette, Du bist seit fast zwei Jahren in der Grünen Ratsfraktion für die Gleichstellungspolitik für Menschen mit Behinderung zuständig. Welche Qualifikation bringst Du mit, um dieses Feld zu beackern? Dr. Annette Standop:Ganz ehrlich: diese Frage stelle ich mir ständig. Klar gesagt ist meine wichtigste Qualifikation meine eigene Behinderung. Und das weiß ich für dieses Politikfeld zu schätzen, denn ich weiß aus eigener Erfahrung, was es heißt, mit einer Behinderung zu leben. Holger Koslowski:Nervt es manchmal, auf die Rolle der „Fachfrau für Behindertenpolitik“ reduziert zu werden? Dr. Annette Standop:Keine Sorge, reduzieren lasse ich mich nicht! (Lacht) Meiner Ansicht nach ist die Tatsache, dass es Behindertenpolitik überhaupt gibt, ein klares Zeichen dafür, dass Inklusion noch lange nicht Wirklichkeit ist. Solange unsere Gesellschaft eine „Spezialpolitik“ für Menschen mit Behinderung braucht – und die brauchen wir unbedingt, weil es um Gleichstellung und Teilhabe noch schlecht bestellt ist -, sollte diese Politik aber auch von Menschen mit Behinderung getragen werden. Deshalb mache ich das. Politisch interessieren mich aber auch noch eine Reihe anderer Themenfelder sehr. Leider bleibt dafür im Moment keine Zeit. Holger Koslowski:Der Teilhabeplan der Bundesstadt für Menschen mit Behinderung ist unter der Beteiligung vieler entstanden. Das ist ein Wert an sich. Aber was ist für dich die wichtigste oder vielleicht revolutionäre Forderung in dem Planwerk? Dr. Annette Standop:Für mich ist das keine Handlungsempfehlung, sondern eine schlichte Feststellung aus dem Leitbild des Teilhabeplans: „Menschen mit Behinderung leisten einen wichtigen Beitrag zum allgemeinen Wohl und zur Vielfalt der Gesellschaft. Ihre uneingeschränkte Teilhabe wird zu erheblichen Fortschritten in der Entwicklung der Gesellschaft führen.“ Damit verabschieden wir uns von der Vorstellung, dass behinderte Menschen das passive Objekt von Unterstützung sind. Im Gegenteil – das, was wir an eigenem Beitrag einbringen können, braucht die Gesellschaft. Je nach Art der Behinderung und – noch viel mehr – je nach Persönlichkeit des jeweiligen Menschen haben wir alle etwas ganz Eigenes zu bieten, und dabei ist es letztlich egal, ob wir behindert sind oder nicht. Holger Koslowski:Was hast du persönlich bei der Arbeit gelernt? Dr. Annette Standop:Dass Zusammenarbeit und das Bemühen um Einvernehmlichkeit um der wichtigen Sache willen der Königsweg ist. Holger Koslowski:Wie geht es mit dem Plan weiter, nachdem der Sozialausschuss sein Votum abgegeben hat? Dr. Annette Standop:Zuerst geht der Teilhabeplan durch weitere Ratsausschüsse, die inhaltlich von ihm betroffen sind. Im Herbst folgt eine Phase, in der sich die vier Bezirksvertretungen der Bundesstadt damit beschäftigen. Am 15. September wird dann hoffentlich der Rat den Teilhabeplan verabschieden. Und anschließend geht die Arbeit erst richtig los, denn dann geht es um die Umsetzung. Um diese Umsetzung zu begleiten und den Teilhabeplan künftig weiterzuentwickeln, haben wir beschlossen, die Lenkungsgruppe weiterbestehen zu lassen, die den Teilhabeplan erarbeitet hat. Diese Gruppe hat sich sehr bewährt, weil darin alle Beteiligten versammelt waren, sowohl aus der Politik als auch aus der Verwaltung und den Organisationen von Menschen mit Behinderungen. Holger Koslowski:Gibt es auch Bürgerberteiligung zum Thema? Dr. Annette Standop:Ja, das bleibt ein ganz wichtiges Thema. Wir planen für den Herbst eine weitere Dialogveranstaltung, andere sollen folgen. Und es wird auch weiterhin auf www.bonn.de eine eigene Rubrik für den Teilhabeplan geben, mit Kontaktadressen etc. Einfach als Suchbegriff oben rechts @teilhabeplan eingeben (das @-Zeichen nicht vergessen!). Holger Koslowski:Der Teilhabeplan spricht an manchen Stellen von „Barrieren im Kopf“, auf die Menschen mit einer Behinderung bei nicht behinderten Menschen noch immer stoßen. Was denkst du dazu? Dr. Annette Standop:Also, ich möchte jetzt mal für all diejenigen Menschen ein gutes Wort einlegen, die sich schwertun mit uns Behinderten. Es ist nicht einfach, mit Menschen entspannt umzugehen, geschweige denn ihnen etwas zuzutrauen, die von außen betrachtet so ganz anders wirken. Dass wir das nicht sind – woher sollen sie es wissen? Von klein auf schirmt man sie ab und steckt sie in Sonderschulen für Nichtbehinderte, wo sie gar nicht erst die Chance bekommen, Normalität zu erfahren. Zusätzlich werden sie desinformiert durch Medienberichte und Spielfilmszenen, die ihr Bild davon erhärten, dass behinderte Menschen armselig, schwach und bedauernswert sind und dass es ganz grauenvoll sein muss, beispielsweise „an den Rollstuhl gefesselt“ durchs Leben fahren zu müssen. Die Nichtbehinderten bekommen in den gesellschaftlichen Strukturen herzlich wenig Unterstützung dabei, ihre Ängste abzulegen und sich etwas locker zu machen im Umgang mit Behinderten. Meistens ist es dann an uns behinderten Menschen, ihre erlernten Barrieren im Kopf abzubauen. In der Arbeitswelt funktioniert das nur dort, wo man uns an die nichtbehinderten Kolleginnen und Kollegen heran lässt, also noch lange nicht überall. Meine große Hoffnung ist, dass die Sonderschulen für Nichtbehinderte endlich geöffnet werden und unsere nachwachsenden behinderten Kinder zu ihnen kommen können, damit es diese Barrieren künftig nicht mehr gibt. Bis es soweit ist, müssen wir alle eben weiter Öffentlichkeitsarbeit machen und uns als Behinderte aktiv einbringen, vor allem da, wo es uns momentan noch nicht gibt. Holger Koslowski:Letzte Frage: Wärst Du gerne so wie ich? Man hält mich meistens für nicht behindert… Dr. Annette Standop:Gut, dass du den Nachsatz noch gebracht hast! (Lacht). Nein, im Ernst: ich möchte nicht ohne meine Behinderung leben, denn ich kann mir meine Person nicht anders vorstellen. Meine Behinderung ist nicht einfach ein Merkmal wie meine Haarfarbe. Sie durchzieht mein Leben in allen Bereichen und prägt mich. Ich habe ein paar Fähigkeiten und Eigenschaften, die ich entwickeln musste allein deshalb, weil meine Behinderung sie von mir verlangt: Organisationstalent, Durchsetzungsfähigkeit, Beha
rrlichkeit und anderes. Außerdem wäre mein ganzes Leben aus den Fugen, ich müsste mich selbst völlig neu erfinden, wenn ich durch ein Wunder plötzlich nicht mehr behindert wäre. Das wäre ähnlich traumatisch wie umgekehrt bei einem Menschen, der durch einen Unfall plötzlich im Rollstuhl sitzt. Deshalb möchte ich nicht anders sein als das, was ich bin: eine Frau, die unter anderem auch behindert ist. Und ich weiß sehr genau, dass ich das nur sagen kann, weil ich im Gegensatz zu den meisten anderen behinderten Menschen alles habe, was ich brauche, angefangen von einem Lebensumfeld mit den nötigen Hilfsmitteln bis hin zu persönlichen AssistentInnen rund um die Uhr. Andernfalls könnte ich nicht leben, wie ich lebe: ganz normal, mittendrin, so wie es für Leute wie dich selbstverständlich ist. 

 

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