Artikelserie: Bangladesch

Mansur Ahmed ist Gründer und Vorsitzender der Grünen Partei von Bangladesch. Er hat einen Hochschulabschluss in Maschinenbau, arbeitet als Ingenieur und interessiert sich für soziale Gerechtigkeit, Klimawandel und Grüne Politik.

1. In einem Satz: Was ist für Sie das wichtigste Ziel der internationalen Klimapolitik?

Sofort für null CO2-Emissionen zu sorgen, unter Beteiligung der Basis vor Ort und Stärkungen von Frauenrechten.

2.Welche Auswirkungen hat der Klimawandel heute schon in Ihrem Land und welches sind die größten Risiken bei weiterer Erwärmung?

Ich komme aus Bangladesch. Es ist ein sehr bevölkerungsreiches Land und viele Naturkatastrophen ereignen sich jedes Jahr, wie heftige Regenfälle, Überschwemmungen, Wirbelstürme und Erdrutsche. Die meisten Menschen sind sich des Klimawandels immer noch nicht bewusst und sie wissen nicht, wie sie sich von den Schäden durch Naturkatastrophen erholen sollen.

Unser gesamter Waldanteil beträgt nicht mehr als 10%, wobei er eigentlich mehr als 20% betragen sollte. Vor kurzem begann unsere Regierung mit der Planung eines 2400-MW-Kohlekraftwerks in der Nähe des Mangrovenwaldes Sundarban, der als Weltkulturerbe der UNESCO anerkannt ist. Der Kohletransport über den Posur-Fluss, der durch den Mangrovenwald fließt, wird das Flusswasser verseuchen und den Fischen und andere Lebewesen im Wasser schaden.

Kohlenstaub und andere strahlungswirksame Stoffe werden das Klima beeinträchtigen. Dies wird die Fruchtbarkeit des Bodens schädigen und das Klimaerwärmen. Da unsere Bevölkerung weder so gut ausgebildet noch sich der Auswirkungen des Klimawandels bewusst ist, protestieren sie nicht so viel. Darum hat die Regierung keine Probleme, derartig schädliche Projekte zu realisieren – während der Rest der Welt auf saubere und erneuerbare Energie umsteigt. Aber wir setzen weiter auf schädliche Energieträger.

Der Fluss in unserer Hauptstadt ist bereits verseucht, dort gibt es keine Fische. Das Wasser ist verfärbt und es stinkt. Viele der Fabriken, die direkt am Fluss gelegen sind, verschmutzen das Flusswasser Jahr für Jahr durch die direkte Einleitung ihrer Abwässer. Es gibt keine Maßnahmen, um das Flusswasser wieder zu säubern. Deshalb müssen wir die Menschen dafür sensibilisieren, gegen solche destruktiven Entscheidungen von Industriellen zu protestieren und eine starke Bewegung für die Rettung des Flusses bilden.

In den nördlichen Teilen des Landes sind die Bedingungen für Getreideanbau schlecht, so dass die meisten Menschen jedes Jahr mit Armut, Arbeitslosigkeit und anderen Problemen zu kämpfen haben.

3. Welche Debatten gibt es in Ihrem Land zum Thema Klimawandel?

Eines der Hauptthemen, die in unserem Land im Zusammenhang mit dem Klimawandel diskutiert werden, ist die „Veränderung der Jahreszeit in Bangladesch“. Es gab einmal sechs Jahreszeiten in Bangladesch, die jeweils in etwa 2 Monate lang waren:

  1. Sommer
  2. Regenzeit
  3. Herbst
  4. Spätherbst
  5. Winter
  6. Frühling

Heutzutage sind die Jahreszeiten offiziell die gleichen, aber die Beschaffenheit der Jahreszeiten hat sich sehr geändert. Der Sommer hat sich auf fast sieben bis acht Monate verlängert. In der Regenzeit regnet es manchmal an 15 bis 20 Tagen, manchmal an 60 bis 70 Tagen im Jahr. Dies hat auch manchmal Folgen für die Nahrungsproduktion, wenn durch starke Regenfälle das Getreide zerstört wird. Überschwemmungen beschädigen Häuser und Straßen; verschiedene Krankheiten breiten sich aus und verursachen bei Menschen und Vieh Probleme. Herbst und Spätherbst sind quasi nicht mehr existent. Der Winter ist manchmal nur 30 oder 40 Tage lang, manchmal jedoch extrem kalt, was besonders für arme Menschen bezüglich warmer Kleidung, Arbeit und ihrem täglichen Einkommen problematisch ist. Die Kälte behindert die Frucht- und Getreideproduktion und dies wird auch die Wirtschaft belasten. Alle oben genannten Probleme sind auf den Klimawandel zurückzuführen, aber es gibt weder in der Öffentlichkeit noch in der Politik ausreichend Engagement zur Bewältigung der Klimakrise.

4. Was unternimmt Ihr Land im Kampf gegen den Klimawandel und wie bewerten Sie diese Bemühungen?

Um den Klimawandel zu bekämpfen, sollten wir meiner Meinung nach unsere Sichtweise ändern. In erster Linie sollten sich unsere Bürgerinnen und Bürger der negativen Auswirkungen des Klimawandels bewusst werden, die unser normales Leben, seine Struktur, das soziale Leben und die Wirtschaft behindern. Unsere Leute sollten sich darüber im Klaren sein, dass die Green Economy Bangladeschs in der Landwirtschaft liegt. Aber Tag für Tag wird Bangladesch mehr zum wachsenden Industrieland.

Bangladesch ist einer der Top Exporteure von Bekleidung und es gibt Tausende Textilfabriken. Mehr als 4 Millionen Menschen arbeiten direkt oder indirekt in der Fertigungsindustrie.Um neue Fabriken zu bauen, werden Ziegelsteine benötigt, die aus dem Boden landwirtschaftlicher Flächen gewonnen werden. Beim Ziegelbrennen wird Holz verbrannt, wofür Bäume und Wälder zerstört werden. Bäume und Wälder absorbieren Kohlendioxid, aber weniger Wald kann nicht so viel absorbieren und der Treibhauseffekt wird verstärkt. Rückstände vom Färben und Waschen von Fertigkleidung und Textilien gelangen ohne ausreichende Reinigung in die Flüsse. Dadurch wird das Flusswasser verschmutzt, in dem die Menschen bisher badeten und das in den Haushalten zur Bewässerung benutzt wird. Durch das verschmutzte Wasser sinken die Erträge der Fischer von Jahr zu Jahr. Durch Färben und Waschen werden enorme Mengen von Wasser verbraucht und ein Großteil davon wird täglich aus dem Grundwasser entnommen. Da die Industrie das Wasser normalerweise nicht recycelt, sinkt der Grundwasserspiegel von Jahr zu Jahr – wodurch die Menschen Probleme haben, Trinkwasser und Bewässerungswasser zu bekommen. Auch große Bäume wachsen langsamer.

Bevölkerungswachstum ist ein weiterer Grund für den Klimawandel. Um neuen Wohnraum zu gewinnen, zerstörten wir oftmals Berge und die Wälder, die darauf wachsen. Dadurch kommt es bei heftigen Regenfällen jedes Jahr zu Erdrutschen; letztes Jahr kamen dabei viele Menschen zu Tode. Da unsere Bevölkerung sich der Auswirkungen des Klimawandels nicht bewusst ist, nimmt die Regierung von Bangladesch die Thematik des Klimawandels auch nicht ernst.

Während die ganze Welt sich von fossilen Energieträgern verabschiedet, plant unsere Regierung in Rampal, ganz in der Nähe des Mangrovenwaldes Sundarban, ein Kohlekraftwerk. Durch den Bau dieses Kohlekraftwerks wird langfristig der Mangrovenwald Sundarban zerstört werden. Dort wird es kein landwirtschaftlich nutzbares Land mehr geben. Im Inneren des Sundarbans gibt es viele Flüsse. Die Kohle wird über die Flüsse transportiert und verschmutzt sie. Fische, Krokodile und andere Wasserlebewesen werden durch das verschmutzte Wasser geschädigt. Ja, einige unserer Umweltorganisationen protestieren gegen die Entscheidung der Regierung. Aber ich denke, das reicht nicht aus. Da es keine starke politische Partei gegen die Regierung gibt, die sie dazu verpflichten kann, ihre Entscheidung zu ändern, wird diese Anlage sehr bald in Betrieb gehen. Ein weiteres Kernkraftwerk wird ebenfalls in Ruppure errichtet. Die Eindrücke des Unfalls im Kernkraftwerk in Japan sind noch sehr frisch. Aber wir lernen nicht von Japan, wir lernen auch nicht von Indien.

Die Menschen in Bangladesch kümmern sich immer noch nicht um die erneuerbaren Energien wie Solar- , Wind- oder Gezeitenenergie. Also ist die Regierung auch nicht an Solarkraftwerken interessiert, und auch nicht an Windrädern an den Ufern der großen Flüsse. Ich denke, wir müssen über die grünen Fragen aufklären. Wir müssen unseren Bürgern die negativen Auswirkungen des Klimawandels bewusst machen. Wir müssen unser Land und die übrige Welt retten, indem wir uns mit grünen Fragen beschäftigen. Wenn sich unsere Menschen dessen bewusst werden, dann ist ein umweltfreundlicheres, korruptionsärmeres und humanitäreres Bangladesch möglich.