Artikelserie: Frankreich

Yannick Jadot ist ein französischer Umweltaktivist und seit 2009 Mitglied des Europäischen Parlaments für das grüne Wahlbündnis Europe Écologie.

 

1. In einem Satz: Was ist für Sie das wichtigste Ziel der internationalen Klimapolitik?

 Es ist dringend nötig, die noch bestehende Lücke zwischen der offenbar recht effizienten Klimadiplomatie und dem weitgehend unzureichenden klimapolitischen Handeln zu schließen. Diese COP wird keine grundlegende Änderungen bringen, wie es die COP21 in Paris hätte  können. Politisch gesehen muss es aber der Anlass sein, die getroffenen Entscheidungen konkret umzusetzen und die Verpflichtungen zu vertiefen. Wir müssen weiter gehen, um Worte und gute Absichten in Taten umzusetzen.

2.Welche Auswirkungen hat der Klimawandel heute schon in Ihrem Land und welches sind die größten Risiken bei weiterer Erwärmung?

Die konkreten Auswirkungen des Klimawandels in Frankreich beobachten wir bereits heute. Die Hitzewellen mehren sich, und die letzten Jahre gehörten zu den heißesten in der modernen Geschichte. Dies wirkt sich unmittelbar auf die menschliche Gesundheit aus und trifft vor allem Kinder, Senioren und Kranke. Es hat aber auch Auswirkungen auf die Entwicklung von allergenen Pflanzen wie z. B. Ambrosia, deren Pollen Rhinitis, Asthma, Tracheitis oder Bindehautentzündung auslösen können.

Die Zunahme extremer Phänomene in Frankreich ist ein weiteres Problem im Zusammenhang mit dem Klimawandel. Dürren, Waldbrände, Überschwemmungen und Wirbelstürme werden immer häufiger, im französischen Mutterland, aber auch in den Überseegebieten, vor allem in Westindien.

Das Klimaungleichgewicht wirkt sich auch auf die französische Landwirtschaft aus. Besonders betroffen ist die Weinwirtschaft. Die Reifezeit der Traube kann 15 oder 20 Tage früher liegen als in den Vorjahren. Dürreperioden und höhere Sommertemperaturen können Blätter und Trauben beschädigen und letztendlich der Qualität unserer renommierten Weine schaden.

 

3. Welche Debatten gibt es in Ihrem Land zum Thema Klimawandel?

Seit der COP21 spricht Frankreich viel mehr über Fragen des Klimawandels, zumal die Auswirkungen des Klimawandels in unserem Land immer sichtbarer werden.

Die NGOs haben eine starke Bewegung zugunsten von Desinvestitionen angeführt, gefolgt von den Versicherern, die sowohl den Staat als auch die von ihnen finanzierten Unternehmen aufforderten, ihren Kampf gegen den Klimawandel zu verstärken. Die Verantwortlichkeit der multinationalen Konzerne wurde auch durch das Gesetz über die Sorgfaltspflicht und den Aktivismus einiger Abgeordneter thematisiert, es auf die europäische Ebene zu bringen.

Für die Regierung wurde der Fokus auf energetische Themen gelegt und insbesondere auf unsere Ambitionen, bis 2050 ein neutrales Land zu werden. Gleichzeitig erklären aber auch unsere nationalen Agenturen, dass wir bereits zu spät dran sind, um unsere energetischen Ziele zu erreichen, und dass Freihandelsabkommen wie CETA es noch schwieriger machen werden. Schließlich haben Grüne und NGOs zwar die Bedeutung der Agrarwende für den Klimaschutz unterstrichen, doch gibt es in diesem Bereich noch kein verbindliches Recht.

4. Was unternimmt Ihr Land im Kampf gegen den Klimawandel und wie bewerten Sie diese Bemühungen?

In letzter Zeit war Frankreich bei den europäischen Verhandlungen immer abwesend und war nur ein Gespenst, wenn es um Gespräche mit Deutschland ging. Macron verteidigt eine starke französische Position in Europa, was gut ist. Das Hauptproblem besteht darin, eine Linie festzulegen, die mit dem Pariser Abkommen vereinbar ist.

Emmanuel Macron betreibt derzeit ein doppeltes Spiel und sein politisches Engagement ist schizophren. Er präsentiert sich als Speerspitze des Klimakampfes, er erhebt sich gegen die Entscheidung von Donald Trump, das Pariser Abkommen zu verlassen, bietet an,“unseren Planeten wieder groß zu machen“ und präsentiert wenige Wochen später einen ehrgeizigen „Klimaplan“. Aber wenn es um wirkliche Richtlinien, konkrete Maßnahmen, starke Finanzierungspläne geht, verschwinden die guten Absichten auf magische Weise. Schlimmer noch, auf europäischer Ebene untergräbt die französische Regierung die Ziele des Clean-Energy-Pakets, um seine mangelnde Ambition auf nationaler Ebene zu rechtfertigen. Emmanuel Macron fördert auch Erdölunternehmen im Ausland und beschränkt ihre Präsenz in Frankreich. Das ist absolut inakzeptabel.