Artikelserie: Indien

Suresh Nautiyal ist “National Convener” der India Greens (eine Pan-Indische Grüne Partei, die sich im Aufbau befindet) und außerdem Journalist und Rechtsaktivist. Zurzeit ist er als Editorial Consultant bei der United News of India (UNI) tätig, der zweitgrößten und einzigen mehrsprachigen Nachrichtenagentur Indiens. Außerdem ist er Mitglied der Koordinierungsgruppe der Global Greens, Vorstandsmitglied bei Democracy International in Köln und Mitglied mehrerer anderer lokaler, provinzieller, nationaler, regionaler und internationaler Organisationen.

1. In einem Satz: Was ist für Sie das wichtigste Ziel der internationalen Klimapolitik?

Für mich ist das wichtigste Ziel der internationalen Klimapolitik, die alarmierend steigenden Temperaturen durch Klimaschutzmaßnahmen zu senken, d. h.  Management der globalen Erwärmung durch lokale und globale Sparmaßnahmen, Aktionen und Verzicht – persönlich, institutionell und staatlich – auf allen Ebenen.

2.Welche Auswirkungen hat der Klimawandel heute schon in Ihrem Land und welches sind die größten Risiken bei weiterer Erwärmung?

Die Auswirkungen des Klimawandels in Indien sind ziemlich eindeutig und sichtbar. Die Jahreszeiten haben sich verändert und damit auch die Erntezyklen. Die Bodenfeuchtigkeit hat abgenommen und verschlechtert sich weiter durch unregelmäßige und nicht vorhandene Niederschlagsmuster. Indien ist die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt und fünftgrößter Emittent von Treibhausgasen. Das entspricht nur etwa 5% der globalen Emissionen, hat aber das Klima sehr negativ beeinträchtigt, da die Emissionen im Land zwischen 1990 und 2005 um 65% gestiegen sind und bis 2020 voraussichtlich um weitere 70% zunehmen werden.

3. Welche Debatten gibt es in Ihrem Land zum Thema Klimawandel?

Die Diskussionen über den Klimawandel in Indien sind für mich zwischen Indien und Bharat geteilt. “Indien” bedeutet die Menschen, die zur Elite und Mittelschicht gehören; und “Bharat” bedeutet die Bürgerlichen – Bauern, Adivasis (Einheimische), Bergbewohner und im nichtorganisierten Sektor arbeitenden Menschen. “Indien” spricht dabei bequem über die globalen Verpflichtungen, während “Bharat” über soziale und wirtschaftliche Gleichstellung und Entwicklung spricht. Generell werden jedoch folgende Themen diskutiert: Umstellung der industriellen Aktivitäten auf eine nachhaltige, sparsame und ökologische Lebensweise, geringere Emissionen, Schutz der natürlichen Ressourcen einschließlich Gletscher, Wälder und Gewässer usw. Das öffentliche Engagement ist nicht sehr stark ausgeprägt, während das politische Engagement kaum vorhanden ist. Kaum eine große politische Partei spricht über diese Themen. Umwelt- und ökologische Fragen finden auch in den jeweiligen Parteiprogrammen keinen prominenten Platz.

4. Was unternimmt Ihr Land im Kampf gegen den Klimawandel und wie bewerten Sie diese Bemühungen?

Meiner Meinung nach gibt es kaum Maßnahmen zur Minderung von Treibhausgasemissionen  durch Anreize, Vorschriften, Steuern oder Versicherungen. Bei der Anpassung an den Klimawandel, z. B. im Bereich der Stadtentwicklung, des Hochwasserschutzes oder der Landwirtschaft, werden rückständige und punktuelle Maßnahmen ergriffen.

Indiens pro-Kopf-Emissionen liegen 70 % unter dem Weltdurchschnitt und 93 % unter denen der Vereinigten Staaten. Aber wir können unsere einzige Erde nicht so behandeln. Indien ist genauso verantwortlich für die Senkung der globalen Temperatur und der Umweltverschmutzung. Wenn sich Indien verantwortungslos verhält, werden auch die Nachbarländer betroffen sein. Wie in vielen anderen Ländern hat Indien heute eine Reihe von Richtlinien, ist aber nicht so sehr von Klimabedenken getrieben. Kurzum, die Absicht scheint gut zu sein, aber die Regierung muss auf sinnvolle Weise dazu beitragen, den Klimawandel durch drastische Maßnahmen zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen zu mildern.

Während die internationalen Klimaverhandlungen voranschreiten, zeigt Indien Anzeichen für ein proaktiveres Engagement in Fragen des Klimawandels, sowohl auf internationaler Ebene als auch zu Hause. Aber es trägt noch keine Früchte. Während die indische Regierung weiterhin Armutsminderung und wirtschaftliche Entwicklung als oberste Priorität des Landes hervorhebt – angesichts der Tatsache, dass fast 200 Millionen Menschen von weniger als 1 Dollar pro Tag leben und fast 500 Millionen keinen Zugang zu modernen Energiequellen haben -, deuten die jüngsten Stellungnahmen zu heimischen Emissionsreduktionen darauf hin, dass Indien erhebliche Schritte unternimmt, um konstruktivere globale Klimaverhandlungen anzuregen.

Auf jeden Fall muss Indien mehr tun und gleichzeitig deutlich machen, dass es proaktiver, konstruktiver ist und ein faires und gerechtes Abkommen über den Klimawandel anstrebt. Der Diskurs über den Klimawandel muss einen Paradigmenwechsel erfahren. Wenn wir in Indien von „Emissionen“ sprechen, neigen wir dazu, an Kohlendioxid, qualmende Fabrikschlote und Fahrzeugabgase etc. zu denken.  Das muss sich ändern. Dazu gehört auch, dass Kläranlagen aufhören müssen, Methan zu emittieren, was ein erschütternd  starkes Treibhausgas ist.