Verscheuchen ist keine Lösung

Stellungnahme zum Artikel „Anwohner beschweren sich über zu viele Obdachlose“ über die Situation am Beueler Rathausvorplatz im General-Anzeiger Bonn vom 18. Oktober 2018

In einem Pressetermin der Beueler CDU/SPD/FDP-Koalition wurden vielfältige Probleme benannt, die durch den Aufenthalt von Wohnungslosen, Jugendlichen, Alkohol- und Drogenabhängigen vor dem Beueler Rathausplatz entstehen. Der Artikel des General-Anzeigers suggeriert, dass der vorrangige Lösungsansatz für die benannten Probleme ist, diese Personengruppen zu „zerstreuen“ ja: zu „verscheuchen“. Dazu die Stellungnahme von Dr. Annette Standop, sozialpolitische Sprecherin von Bündnis 90 / Die Grünen im Rat der Bundesstadt Bonn, und Doro Schmitz, Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90 / Die Grünen in der Bezirksvertretung Beuel:

„Zum wiederholten Mal wird beklagt, dass unliebsame Personengruppen sich an Orten in der Stadt aufhalten, wo sich Anwohner*innen oder Gewerbetreibende von ihnen belästigt fühlen. Es werden Lärm, Verschmutzung des öffentlichen Raums und Belästigung der Passant*innen genannt. Wir GRÜNE verstehen diese Klagen als Ausdruck von Verunsicherung und dem Wunsch, in einer sauberen und sicheren Stadt zu leben und zu arbeiten. Wir nehmen sie deshalb sehr ernst.

Wir halten es aber für verkürzt, ein weiteres Mal mit der Vertreibung schwieriger Personengruppen auf diese Probleme reagieren zu wollen. Durch das ‚Verscheuchen‘ unliebsamer Personen werden Konflikte nur räumlich verschoben, aber keine Lösungen geschaffen. Wo die angesprochenen Menschen letztlich bleiben können, wird auch in diesem Artikel nicht gesagt. Nach dem Alkoholverbot und zuletzt dem Abriss des Bonner Lochs ist ein Karussell der Verdrängung in Gang gekommen. Es gibt derzeit nahezu keinen Ort in der Stadt, wo sich Wohnungslose und Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen Stadt aufhalten können, ohne dass soziale Spannungen entstehen. Die wachsende Zahl wohnungsloser Menschen in Bonn verschärft dieses Problem zusätzlich und verlangt nach einer Lösung mit Weitsicht.

Alle Beteiligten, sowohl die als problematisch erlebten Personengruppen als auch Anwohner*innen und Geschäftsleute, müssen sich letztlich den öffentlichen Raum teilen. Gewalt, Pöbeleien und Belästigungen jeder Art haben dabei ebenso wenig Platz wie Ausgrenzung und das Schüren von Angst und Vorurteilen.

Wir erwarten aber zusätzlich von Politik und Verwaltung, dass durch konkrete Maßnahmen wie die Unterstützung der „Bonner Feger“* und der Einrichtung von Aufenthaltsorten mit begleitender Sozialarbeit dieses Problem an der Wurzel gepackt und für alle Beteiligten zufriedenstellend gelöst wird.“

 

* Das Projekt „Bonner Feger“ in Trägerschaft des Vereins für Gefährdetenhilfe bietet ab 2019 wohnungslosen Menschen Arbeitsgelegenheiten in der Stadtreinigung an. Begleitet durch Sozialarbeiter*innen sollen sie in bezahlter Arbeit jene Orte in der Stadt sauber halten, wo es gehäuft zu Konflikten zwischen Menschen mit Suchtproblemen und Anwohner*innen kommt. Dadurch soll einerseits das gegenseitige Verständnis gefördert werden. Andererseits sollen die Betroffenen dafür sensibilisiert werden, wie sie durch ihr eigenes Verhalten Konflikte vor Ort vermeiden können.

 

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